electroboy

Florian Burkhardt, besser bekannt unter seinem Künstlernamen electroboy, zog sich im Juni 2019 aus der Öffentlichkeit zurück.

Interviews

 
 

Florian Burkhardt über sein Leben

 

Florian Burkhardt über seinen Rückzug

Florian – du hast beschlossen, dich aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen. Weshalb?

Als ich nach 12 Jahren in Berlin wieder in die Schweiz nach Bern zog, konnte ich nicht ahnen, wie bekannt der Film «Electroboy» mich in der Heimat gemacht hatte. Ich werde auf der Strasse und im Café erkannt und angesprochen. Ich kann damit nicht so gut umgehen. Ich begann mich aufgrund meiner Bekanntheit immer unwohler und eingeschränkter zu fühlen. Als es dann diesen Frühling darum ging, den Release des Musikprojekts «electroboy.ch» zu planen, reagierte mein Körper mit Brechreiz. Ich realisierte, dass ich mich von meiner öffentlichen Figur trennen musste.

Ein zweiter Grund für die Trennung von electroboy ist, dass ich mich als öffentliche Figur auch eingeschränkter fühle, was mein kreatives Wirken angeht. Einerseits hat die Bekanntheit den Vorteil, dass ich Aufmerksamkeit finde. Aber eben auch eine Menge Erwartungen. Jeder hat eine Vorstellung von electroboy und nicht zuletzt auch ein kommerzielles Interesse, wenn es um eine Zusammenarbeit geht.

Weiter habe ich von Natur aus nicht die Kraft, die es braucht, um gesund grössere Projekte und die nötige Öffentlichkeitsarbeit zu stemmen. Ich werde dann immer so eingenommen, dass es sonst nichts mehr gibt. So verliere ich das Wichtigste aus dem Blick – die Menschen um mich herum. Ausserdem fehlt mir wohl auch immer mehr das Bedürfnis nach Aufmerksamkeit und Spiegelung von aussen. Vielleicht hängt das auch mit Lebenserfahrung zusammen. Ich durfte realisieren, dass Aufmerksamkeit nicht unbedingt hilft, wenn es möglicherweise an Selbstliebe fehlt.

Ich freue mich darauf, in Zukunft aus der Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit zu verschwinden und anonym kreativ sein zu können. Ohne grosse Erwartungen und Anforderungen. In Freiheit und im Kleinen. Mit klarem Fokus auf der Sache und nicht auf meiner Person. Andererseits vermute ich, dass ich in ein Loch fallen werde, weil die letzten Jahre doch sehr intensiv mit electroboy verbunden waren. Ich bin gespannt darauf, was von mir übrig bleibt nach der Trennung.

Du hast – so hat man den Eindruck – die Öffentlichkeit ja stets ein bisschen gesucht. Oft war deine Offenheit überraschend intim. War das retroperspektiv gesehen eine gute Entscheidung?

Es war eine lange Reise mit vielen Wendungen und mit vielen Menschen, die involviert waren. Das meiste kam von aussen auf mich zu. Und weil ich sehr neugierig bin und Herausforderungen liebe, habe ich jeweils die Chancen ergriffen. Vor dem Film war electroboy eigentlich kein Thema mehr für mich. Ich habe in Deutschland ein sehr privates Leben geführt. Dann kam die Anfrage einer Produktionsfirma, die einen Spielfilm über mein Leben realisieren wollte. Plötzlich war es dann ein Dokumentarfilm. Zuerst fand ich die Idee nicht gut, weil ich nicht als privater Mensch vor die Kamera wollte. Als ich mich dann überwinden konnte, entschied ich mich dafür, total offen zu sein, weil ich dachte, dass es sonst keinen Sinn macht. Als der Film ein Erfolg wurde, kam ein Berliner Literaturagent auf mich zu und sagte, ich solle meine Kindheit und Jugend niederschreiben. Auch diese Herausforderung nahm ich an, war es doch immer mein Traum gewesen, Schriftsteller zu sein. Aus einem Buch wurden zwei und damit verbunden unfassbar viele Auftritte und Interviews in der Schweiz und Deutschland.

Die Entscheidung, offen und möglichst ehrlich zu sein, bereue ich nicht. Ich durfte sehen, dass ich so Menschen emotionell berühren kann. Aber ja, ich habe damit sehr viel preisgegeben mit dem Ergebnis, dass ich jetzt eine Projektionsfläche für sehr vieles bin.

Kritische Stimmen gab es seltsamerweise kaum, abgesehen davon, dass mir ein Psychiater öffentlich krankhaften Narzissmus unterstellt hatte. Ich habe das ernst genommen und mich intensiv mit psychiatrischer Hilfe damit befasst. Entgegen mancher Vermutungen wurde mir von drei Psychiatern versichert, dass ich kein Narzist sei, denn ich erfülle die meisten Kriterien dafür nicht. Trotzdem bin ich überzeugt davon, dass ich narzistische Anteile habe. Ich bin ein sehr widersprüchlicher Mensch. Ich habe viele Anteile in mir, die sich oft gegenseitig im Wege stehen. Einerseits stehe ich gerne im Mittelpunkt, andererseits aber nur ganz kurz. Ich mag Lärm, brauche aber sehr viel Ruhe. Ich liebe Menschen, bin aber meistens gerne alleine. Ich bin sehr empathisch, kann aber auch sehr kalt sein.

Von all den vielen Projekten wie Musik, journalistische Tätigkeit, Webdesigner, Model, Schauspieler, electroboy, was hat am besten zu dir gepasst und was hast du am liebsten gemacht?

Zu kreieren fand ich immer sehr schön. An etwas zu arbeiten. Möglichst eigenständig. Neues entdecken, neue Herausforderungen. Das fertige Produkt hat mich dann meistens nicht mehr interessiert, eben weil es fertig war. Wenn es fertig ist, dann ist es für mich tot. Von dem her war ich dankbar für jede Chance und jede Tätigkeit. Nur das Präsentieren und Vermarkten war weniger gesund für mich. Wenn ich als Mensch plötzlich eine Show bin. Mit dem Anspruch auf die Bühne zu gehen, Menschen zu unterhalten, mich darzustellen mit meiner persönlichen Geschichte. Oder mich für die Presse zu präsentieren, damit ich den Promo-Ansprüchen gerecht werde.

Rückblickend: Hast du die Schweiz mit deiner Offenheit, deiner Geschwindigkeit und deiner Egozentrik nicht ein bisschen überfahren?

Ich denke, dass ich ein sehr leidenschaftlicher Mensch bin und schnell für etwas brennen kann. Das generiert eine Energie, die vieles zu ermöglichen scheint. Meine Art war früher wohl eher ungewöhnlich. Inzwischen scheint sie üblicher zu sein. Die Menschen zeigen sich gerne und machen sich selbst zu Projekten, Produkten und öffentlichen Figuren. Ich vermute, dass ich nie ein typischer Schweizer war. Deshalb habe ich damals in Los Angeles und New York gelebt.

Wovon lebst du, wie finanzierst du dich?

Seit meinem Aufenthalt in der Psychiatrischen Klinik in Zürich bin ich Teil-Invalidenrentner. Es gab unzählige Arbeitsversuche, die nicht fruchtbar waren. Ich bin dem Sozialstaat unglaublich dankbar, dass er mir unter die Arme greift und mir finanzielle Sicherheit gibt. Kreativität ist ein Bedürfnis von mir, weil ich so mit meiner Zeit etwas tun kann. Aber ich muss schauen, dass ich damit sparsam umgehe, denn ich bin schnell energetisch überfordert und gestresst. Meine Auftritte und Tätigkeiten waren überhaupt nur möglich und realisierbar, weil mich Menschen unterstützt und psychisch und physisch begleitet haben.

Glaubst du, du hast deine Bestätigung aus der Wahrnehmung der «Öffentlichkeit» bekommen? Oder anders gefragt: Wie willst du künftig dich selbst unter Ausschluss der Öffentlichkeit verwirklichen? Wird das funktionieren?

Ich habe vor, in Zukunft anonym kreativ zu sein. Dies im kleinen Rahmen mit möglichst viel Freiheit und ohne Menschen, die kommerzielle Interessen haben. Ich habe bereits Ideen und ich freue mich auf die neue Herausforderung. Ob mir die Bestätigung der Öffentlichkeit fehlen wird, weiss ich noch nicht. Es ist gut möglich. Aber wenn, dann ist das Wieso Inhalt der Therapie und es darf kein Grund sein, sie wieder zu suchen.

Haymo Empl, Juni 2019

 
 
 

Grafik von François Chalet